Das Holzmarktquartier – Rückblick und Ausblick

Projektgeschichte Holzmarkt 25

Projektgeschichte Holzmarkt 25

Der Holzmarkt ist ein gut 12.000 qm großes genossenschaftliches Stadtquartier am Spreeufer in Berlin Friedrichshain. Er ging aus der subkulturellen Zwischennutzung einer Konversionsfläche der landeseigenen Berliner Stadtreinigung (BSR) hervor. Kaum ein Projekt steht so beispielhaft für die Besonderheiten der jüngeren Berliner Stadtentwicklungsgeschichte mit ihren schwierigen Aushandlungsprozessen.

Ein Grundstück am Mauerstreifen

Gelegen im ehemaligen Grenzgebiet, blieb das Grundstück an der Holzmarktstraße jahrzehntelang unbebaut und wurde nach dem Fall der Mauer zu einer berlintypischen urbanen Leerstelle im Herzen der Stadt. Wie so oft, waren es auch hier zunächst die Pioniere der Subkultur, die sich die Brachfläche als Möglichkeitsraum aneigneten. So entstand ab 2003 die Bar25, die zu einem vielbeschriebenen Kulminationspunkt der Berliner Clubkultur werden sollte.

Mediaspree

Doch das gewachsene Biotop urbaner Freiräume am Spreeufer wurde durch die städtische Masterplanung „Mediaspree“ zur Disposition gestellt. Etliche der inzwischen international bekannten Institutionen der Subkultur, die entlang des Spreeufers entstanden waren, mussten für eine investorengerechte Top-Down-Stadtplanung ihren Platz räumen – so auch die Bar25 im Jahr 2010. Schon zuvor war eine Debatte um die Liegenschaftspolitik Berlins und die Entwicklung des Spreeufers entbrannt: Ein Bündnis aus Zivilgesellschaft und Kulturschaffenden forderte bereits 2008 in einem Bürgerentscheid ein „Spreeufer Für Alle“ und fand damit Zustimmung. Das Votum hatte jedoch letztlich vor allem symbolischen Charakter, da für die neuen Bauprojekte bereits Planungsrecht geschaffen war und das Land erhebliche Entschädigungszahlungen fürchtete.

Alternative Ideen

Doch ist es diese Bewegung gewesen, die ermutigte, eine Alternative nutzergetragener Stadtentwicklung vorzuschlagen: Der Versuch der Zwischennutzer vom Spreeufer, das Land davon zu überzeugen das Grundstück nicht zu verkaufen, sondern ein Erbbaurecht für das Grundstück zu vergeben, scheiterte 2012 noch an Vorgaben der Finanzverwaltung. Die Wende in der Liegenschaftspolitik wurde erst später vollzogen.
Der inzwischen gegründeten Holzmarkt 25 eG und der Genossenschaft für urbane Kreativität eG, blieb somit nur die Wahl, sich am Bieterverfahren zum Höchstpreis zu beteiligen, um ein Stück Stadt zu gestalten.

Das Holzmarktkonzept

Mit dem Konzept für ein „urbanes Dorf“ mit öffentlichem Spreeufer, gelang es schließlich eine nachhaltige Pensionskasse, die Stiftung Abendrot, zu überzeugen, das Grundstück zu erwerben und dem Holzmarkt im Erbbaurecht zu überlassen. Gegen Zahlung eines Erbbauzinses, der sich am Kaufpreis des Grundstücks orientiert, kann die Genossenschaft das Grundstück langfristig nutzen ohne es zu besitzen. Der Vertrag zwischen Stiftung Abendrot und der Holzmarktgenossenschaft schließt jede Spekulation mit dem Grundstück aus und entzieht es der Verwertungsspirale des Immobilienmarktes.

Die Maxime, mehr Wert auf Nutzung als auf Besitz zu legen, überzeugte schließlich hunderte Genossenschaftsmitglieder der Guk eG, das notwendige Eigenkapital zu stellen – mit der Umweltbank als Finanzierungspartner. Schrittweise sollte nun ein Quartier geschaffen werden – ohne den Vermarktungsdruck der Immobilienwirtschaft. Das genossenschaftliche Modell – in dem jedes Mitglied unabhängig von der Höhe der Einlage nur eine Stimme hat – schafft dabei eine langfristige Balance zwischen Kapitalinteressen und Gründungsidee.

Schrittweise Entwicklung

Maßgabe der Projektentwicklung war es von Beginn an (und auch während der Bauphasen), das Grundstück unter der Prämisse größtmöglicher öffentlicher Zugänglichkeit zu entwickeln. So entstand zunächst ein öffentlicher Park am Ufer. Kulturelle Zwischennutzungen der Brache schufen die Basis für die Planung und Finanzierung der Neubauten.
Für das Maß der baulichen Nutzung galt für die Genossenschaft die Maßgabe: so wenig wie möglich und so viel wie nötig.

Das für den Holzmarkt notwendige Baurecht bedurfte zahlreicher Abweichungen vom geltenden Mediaspree-Bebauungsplan, der eine vielfach höhere und dichtere Bebauung unmittelbar am Ufer vorsah. Der ursprüngliche Plan des Bezirks, die Ziele des Bürgerbegehrens aufzunehmen und öffentliche Freiflächen und eine deutlich reduzierte Baumasse auch planungsrechtlich in einem neuen Bebauungsplan abzusichern, wurde bislang nicht umgesetzt.

Marktplatz am Spreeufer

Heute ist das Quartier in weiten Teilen verwirklicht und mit dem Aufgreifen lokaler Infrastrukturbedarfe auch ein Stück Urbanität entlang der Narbe zwischen Ost- und West geschaffen. Identität stiftet hier noch immer die Clubkultur, doch sie ist nun integrierter Teil eines neu geschaffenen Mikrokosmus, der sich zur Stadt öffnet.
Ziel der Genossenschaft war es, der Masterplanung Mediaspree eine Vision entgegenzusetzen, die die Kultur der Zwischennutzung fortschreibt, aber dabei gleichzeitig auch dem zivilgesellschaftlichen Anspruch an ein öffentlich zugängliches und qualitativ gestaltetes Ufer gerecht wird. Mehr als die Hälfte der Grundstücksfläche wurde dafür in einem Städtebaulichen Vertrag der Öffentlichkeit gewidmet und gemeinsam mit einem Bürgerverein aufwendig begrünt.

Hallen und Hütten

Das architektonische Programm der „Hallen und Hütten“ sieht eine solide Infrastruktur als Rohbau mit Industriestandard (Hallen) vor, die flexible An-, Auf- und Umbauten in Holzbauweise zulassen. So konnten leistbare Möglichkeitsräume für unterschiedlichste Nutzer*innen entstehen. Erschlossen wird das autofreie Quartier mit einem Uferwanderweg und zahlreichen begrünten Pfaden. Brücken, Laubengänge und Terrassen erschließen die halböffentlichen Bereiche auf den Etagen der Häuser, verbinden die einzelnen Gebäude und schaffen Gemeinschaftsflächen für die unterschiedlichsten Nutzer*innen. Die Versorgung des Quartiers erfolgt unterdessen durch ein unterirdisches Wegesystem und lässt die öffentlichen Flächen damit unbeansprucht.

Raum für Kultur

Seit der Einweihung im Mai 2017 haben sich auf dem Holzmarkt mehr als 100 Kreativschaffende in Studios, Werkstätten und Ateliers angesiedelt. In einer multifunktionalen Halle (dem Säälchen) finden Konzerte, Theater und Kongresse statt. In teilweise festen- und teilweise temporären Räumen ist Platz für Lesungen, Ausstellungen und kleinteiligen Einzelhandel. Eine 10 m hohe Halle bietet einem jungen Artistenkollektiv ein Wohnzimmer. Um den Marktplatz herum, haben eine Musikschule, eine Kita, mehrere gemeinnützige Projekte und ein Verlag ihr zu Hause gefunden. Mehr als 400 Menschen arbeiten auf dem Holzmarkt – tagsüber im Café oder in der Nacht im Club. Im Restaurant, auf den Wochenmärkten oder beim Blick aufs Wasser begegnen sich Nutzer*innen, Nachbar*innen und Besucher*innen.


Hier findet Ihr eine Übersicht über die Nutzungen auf dem Holzmarkt (Stand 09/2021)


Kreisläufe im Quartier

Ziel der räumlichen Konfiguration wie auch der Auswahl der Nutzer*innen ist ein größtmögliches Maß an synergetischen Wirtschaftskreisläufen. So liefert der Bäcker sein Brot an das Restaurant und die Patisserie den Nachtisch fürs Catering im Säälchen. Das Studio 25 steht allen Musiker*innen und Künstler*innen zur Verfügung. Die dort aufgenommenen Songs finden dann bei Konzerten im Säälchen oder im Club ihr Publikum. Flexible Raumnutzungsmodelle, Sharing-Modelle und Quartierssynergien ermöglichen nicht zuletzt auch eine breite Nutzungsvielfalt, bei der die maximale Ertragskraft kein determinierender Faktor ist.

Wissenschaftliche Begleitung und Kooperation

Von Beginn an wurden einige der experimentellen Entwicklungsansätze auf dem Holzmarkt durch wissenschaftliche Kooperationen begleitet – besonders die Leitidee im Quartier und ressourcenschonend zu denken. So hat der Holzmarkt mit Unterstützung der Deutschen Bundesstiftung Umwelt ein nachhaltiges Energiekonzept entwickelt und auch das Bauen mit Holz und System sowie das „Shared Building“ untersucht und dokumentiert. Die Ergebnisse wurden 2017 auf international besetzten Symposien vorgestellt.

Zukünftige Planungen

Holz ist nicht nur Namensgeber, sondern auch bevorzugter Baustoff im Quartier. Der temporäre Club ist vollständig aus Holz errichtet und sichert durch eine Raum-in-Raum Konstruktion den Lärmschutz und somit eine kulturelle Nutzung auch bei herannahender Wohnbebauung. Auf einem noch unbebauten Teil des Grundstücks plant die Genossenschaft ein Holzhybridhochhaus, in das der Club zukünftig dauerhaft integriert werden soll.
Die Pläne für das sogenannte „Haus EINS“ werden seit 2019 öffentlich diskutiert und sind hier einsehbar: hauseins.holzmarkt.com  

Holzmarkt als Modell 

Im Jahr 2020 war die Kulturszene besonders von der Coronakrise getroffen.
Doch hat sich gerade am Holzmarkt gezeigt, dass eine nutzergetragene Besitzstruktur im Genossenschaftsverbund ein hohes Maß an Resilienz schafft. Flexible, multifunktionale Raumstrukturen mit großzügigen Freiflächen ermöglichen eine verantwortungsvolle Nutzung – auch in Pandemiezeiten. Genossenschaftliche Selbstverwaltung im Erbbaurechtsmodell und sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze – auch und gerade im Kultur und Subkulturbereich – bilden ein solides Fundament.

Mit dem Holzmarkt ist ein Experiment begonnen, das mögliche Rezepte gegen Flächenkonkurrenz und Verdrängung von gewachsener Kultur aus der Innenstadt bieten kann.
Nachmachen erwünscht!